
Es ist 0:45 Uhr in Warnemünde. Die Spätschicht auf der Kardiologie war lang, mein Rücken zieht ein bisschen, und eigentlich müsste ich sofort ins Bett. Aber ich setze mich noch kurz auf die Bettkante, schnalle mir 'die Kleine' um und warte auf dieses erste, leise Seufzen des Balgs. In diesem Moment sinkt mein Puls sofort.
Hinweis: Ich teile hier meine ganz persönlichen Erfahrungen. In diesem Text finden sich Affiliate-Links zu Kursen, die ich selbst seit Monaten nutze. Wenn du darüber kaufst, erhalte ich eine Provision, ohne dass es dich einen Cent mehr kostet. Ich empfehle nur, was mir nach der Schicht wirklich hilft. Hier ist meine vollständige Offenlegung.
Ich bin 42, Krankenschwester und habe vor etwa acht Monaten auf einem Trödelmarkt in Güstrow diese kleine, zweireihige Ziehharmonika für 45 Euro entdeckt. Sie stand da so verloren zwischen einem alten Kupferkessel und einer Briefmarkensammlung. Ich hatte keinen Plan, keine Musikausbildung und kann bis heute keine einzige Note lesen. Aber ich wusste: Das Instrument und ich, wir versuchen das jetzt zusammen.
Warum Notenlesen mit über 40 kein Muss mehr ist
In der Schule habe ich nie ein Instrument gelernt. Wenn ich heute an Notenblätter denke, sehe ich nur Hieroglyphen, die mich an stressige Patientenakten erinnern. Deshalb war für mich klar: Wenn ich das lerne, dann nach Gehör und Gefühl. Viele denken, man sei mit über 40 zu alt, um bei Null anzufangen. Aber das Gegenteil ist wahr. Wir haben eine Geduld, die uns mit 20 fehlte.
Das Problem am Anfang war die Koordination. Die linke und die rechte Hand arbeiten gefühlt in zwei verschiedenen Zeitzonen. Wenn ich rechts die Melodie drücken will, vergisst links den Bass. Es ist ein bisschen wie beim Blutabnehmen in einer hektischen Situation: Man braucht ein blindes Vertrauen in das Muskelgedächtnis.
Ich habe anfangs viel auf YouTube gesucht, aber die meisten Erklärungen waren zu theoretisch. Dann bin ich im Januar auf den Ziehharmonika Anfängerkurs der Harmonicademy gestoßen. Das war mein Wendepunkt. Dort wird mit der sogenannten Griffschrift gearbeitet. Man lernt nicht, welche Note man spielt, sondern einfach nur, welchen Knopf man wann drücken oder ziehen muss. Für jemanden wie mich, der nach der Arbeit keine geistige Kapazität mehr für Musiktheorie hat, war das die Rettung.
Das Problem mit den 'Pflege-Händen'
Was mir niemand vorher gesagt hat: Wenn man den ganzen Tag in der Pflege arbeitet, sind die Fingergelenke abends oft steif. Das geht vielen Handwerkern oder Menschen in körperlichen Berufen so. Standard-Übungspläne, die eine Stunde Training am Tag fordern, funktionieren für uns nicht. Unsere Gelenke brauchen Heilphasen.
Ich habe mein Pensum massiv reduziert. Ich übe meistens nur 10 Minuten pro Nacht, wenn ich von der Station komme. Bei fünf Arbeitstagen sind das etwa 50 Minuten pro Woche. Das klingt wenig, aber im Berichtszeitraum der letzten 25 Wochen bin ich so auf insgesamt 1250 Minuten reine Übungszeit gekommen. Das ist mehr wert als eine verzweifelte Stunde am Sonntag.
Zusätzlich mache ich vor jedem Spielen kurze Dehnübungen für die Fingergelenke. Man darf die Knöpfe nicht mit Gewalt drücken. Die Harmonika ist wie ein schwieriger Patient: Mit Sanftheit erreicht man mehr als mit Druck.
Wenn es einfach nicht klappen will: Der Frust auf dem Balkon
Es gab Momente, da wollte ich das 45-Euro-Teil am liebsten wieder nach Güstrow zurückbringen. Ich erinnere mich an eine Woche im März, da habe ich verzweifelt versucht, eine einfache Melodie auf 'Zug' zu spielen. Ich habe mich gewundert, warum es so jämmerlich quietscht – bis ich merkte, dass mein Instrument an dieser Stelle auf 'Druck' gestimmt war. Zwei Wochen lang habe ich gegen die Physik des Balgs gekämpft.
Besonders der Moll-Bass macht mir heute noch zu schaffen. Wenn die Finger nach einer Doppelschicht einfach nur müde sind, wollen sie sich nicht mehr einzeln bewegen. Dann lasse ich es auch mal gut sein. Inzwischen weiß ich: Der Fortschritt kommt in Wellen, genau wie die Stationsroutine.
Falls du flexibler bleiben willst und vielleicht auch mal in andere Instrumente reinschnuppern möchtest, ist das Harmonicademy Abo-Modell eine gute Alternative zum Einmalkauf. Da kann man sich in seinem eigenen Tempo durch die Lektionen arbeiten, was gerade bei unregelmäßigen Schichtplänen Gold wert ist.
Sonntagmorgen in Warnemünde
Heute ist wieder so ein Sonntagmorgen. Ich sitze mit meinem Kaffee auf der kleinen Terrasse, der Wind weht leicht von der Ostsee herüber. Der Hund schläft friedlich unter meinem Stuhl. Der leicht muffige Geruch des alten Balgs meiner 'Kleinen' vermischt sich mit dem Aroma des frischen Kaffees. Es ist ein ehrlicher, guter Geruch.
Letzte Woche ist etwas Schönes passiert. Meine Nachbarin, die sich am Anfang wegen der Lautstärke beschwert hatte, hielt mich im Treppenhaus an. Sie fragte, ob ich neuerdings morgens das Radio so laut hätte – sie fände die Musik so schön. Dabei war ich das, wie ich mein erstes fehlerfreies Lied gespielt habe.
Insgesamt habe ich bisher 192 Euro investiert: 45 Euro für das Instrument und 147 Euro für den strukturierten Kurs. Für das Gefühl, nach 42 Jahren plötzlich eine neue Sprache zu sprechen, ist das fast geschenkt. Musik braucht keine Perfektion. Sie braucht nur zehn Minuten Mut nach der Schicht.
Wenn du auch überlegst, anzufangen: Such dir nicht das teuerste Instrument. Such dir etwas, das eine Geschichte hat. Und dann fang einfach an – ohne Noten, nur mit deinen Händen. Mehr zum Thema findest du auch in meinem Bericht Zwischen Nachtschicht und Bassknöpfen. Es lohnt sich, versprochen.