Akkordeon Bassknöpfe lernen: Tipps für die linke Hand

Es ist jetzt kurz nach acht an diesem Sonntagmorgen im Mai. Der Kaffee in meiner alten Ikea-Tasse ist noch heiß, und der Wind von der Ostsee her drückt die Gardine im Wohnzimmer ein wenig nach innen. Draußen in Warnemünde wachen die ersten Touristen auf, aber hier auf meiner kleinen Terrasse ist es still. Unter meinem Stuhl höre ich das tiefe, gleichmäßige Schnaufen meines Hundes. Er hat sich daran gewöhnt, dass der Sonntag uns beiden gehört – und der Kleinen.

Die Kleine, das ist meine zweireihige Ziehharmonika, die ich letzten September für 45 Euro auf dem Flohmarkt in Güstrow gefunden habe. Sie stand da zwischen einem alten Kupferkessel und einer Briefmarkensammlung. Sie sah traurig aus, und ich, gerade fertig mit einer anstrengenden Woche auf der Kardiologie, dachte mir: Wir beide lernen das jetzt einfach. Ohne Plan, ohne Musiklehrer, nur wir zwei.

Das Rätsel hinter dem Balg

Wenn ich nachts um halb eins nach dem Spätdienst nach Hause komme, bin ich oft zu aufgedreht zum Schlafen. Die Station, die unruhigen Patienten, das Piepen der Monitore – das alles nimmt man mit nach Hause. Früher habe ich eine Staffel Netflix geschaut, heute nehme ich die Kleine auf den Schoß. Aber am Anfang war die linke Hand mein größter Feind.

Rechts die Melodie zu spielen, das leuchtet einem noch ein, man sieht die Knöpfe ja. Aber links? Die linke Hand verschwindet hinter dem Balg. Man sieht nichts. Man fühlt nur. In den ersten Wochen fühlte sich meine linke Hand an, als gehöre sie jemand anderem. Ich habe versucht, den Kopf zu verrenken, um wenigstens einen Blick auf die acht Bassknöpfe zu erhaschen, aber das macht nur Rückenschmerzen und bringt nichts.

Ich erinnere mich an eine Nacht im Januar, es war bitterkalt draußen, als ich fast aufgegeben hätte. Meine Finger wollten sich nach einer Doppelschicht einfach nicht mehr einzeln bewegen. Es war wie beim Blutabnehmen bei einem Patienten mit ganz schwierigen Venen: Man braucht Geduld, ein feines Gespür und darf nichts erzwingen. In dieser Nacht roch es beim ersten Zug am Balg wieder nach diesem alten Holz und ein bisschen nach Staub – ein Geruch, den ich inzwischen liebe.

Der wichtigste Tipp: Schau niemals hin

Hier kommt meine wichtigste Erkenntnis aus den letzten acht Monaten: Du musst das blinde Greifen erzwingen. Sofort. Vom ersten Tag an. Ich habe gemerkt, dass es nichts bringt, sich mühsam die Positionen einzuprägen, wenn man dabei schummelt und doch hinsieht. Man muss das Handgelenk und die Finger entkoppeln. Das Handgelenk führt den Balg, aber die Finger müssen völlig unabhängig davon auf den Knöpfen tanzen.

Das ist ein bisschen wie die Stationsroutine. Man weiß irgendwann blind, wo die Desinfektionsmittel hängen oder wo die Akten liegen. Man denkt nicht mehr darüber nach. Um das bei den Bassknöpfen zu erreichen, habe ich angefangen, die Knöpfe zu 'ertasten', während ich gar nicht spiele. Einfach nur die Hand in die Schlaufe und fühlen.

Die Rettung: Die kleine Einkerbung

Irgendwann habe ich bemerkt, dass einer der Knöpfe anders ist. Der Grundbass für C hat bei fast allen Instrumenten eine kleine Riffelung oder eine Vertiefung. Das ist dein Anker. Wenn mein Mittelfinger diesen Knopf gefunden hat, weiß ich, wo ich bin. Von dort aus erreiche ich alles andere.

Wer wie ich ganz bei Null anfängt, dem hilft vielleicht mein Bericht darüber, wie ich zwischen Nachtschicht und Bassknöpfen ohne Noten angefangen habe. Es ist ein ganz eigener Weg, wenn man keine Musikausbildung hat.

Der Durchbruch im April

Vor etwa drei Wochen, an einem Mittwochabend, passierte es dann. Ich saß in der Küche, der Hund schlief wie immer, und ich versuchte diesen einfachen Wechselbass: Bass – Akkord – Bass – Akkord. Plötzlich merkte ich, wie meine Schultern locker ließen. Für drei Takte lief es ganz von alleine. Die Finger wussten, wo sie hinmussten, während der Balg sich gleichmäßig bewegte.

Es war ein Gefühl wie nach einer erfolgreichen Reanimation, wenn man merkt, dass das Leben zurückkehrt. In diesem Moment war der Moll-Bass, der mich sonst immer zur Verzweiflung bringt, gar nicht mehr so gruselig. Die Umschaltbewegung zwischen Zug und Druck, dieses Atmen des Instruments, fühlte sich zum ersten Mal natürlich an.

Ich lerne immer noch, was ein 'Bass' eigentlich genau macht, aber ich merke, dass mein Körper es schneller versteht als mein Kopf. Wer über 40 ist, sorgt sich oft, dass das Gehirn nicht mehr so flexibel ist. Aber ich glaube, wir haben dafür mehr Geduld. Ich habe dazu auch mal aufgeschrieben, warum Ziehharmonika lernen ohne Noten für Anfänger ab 40 eine ganz wunderbare Sache ist, weil man den Leistungsdruck der Schule längst hinter sich hat.

Warum das Stolpern dazugehört

Natürlich klappt es nicht immer. Gestern nach dem Dienst wollte ich nur kurz zehn Minuten üben, aber meine Finger waren wie aus Blei. Ich habe jeden zweiten Bassknopf verfehlt und mich über das kühle Metall der Balgverschlüsse an meinen Unterarmen geärgert, weil sie sich so fremd anfühlten. Ich habe die Kleine dann weggelegt. Das ist auch eine Lektion: Manchmal ist das Beste, was man für sein Spiel tun kann, einfach schlafen zu gehen.

Meine Nachbarin hat sich übrigens seit Monaten nicht mehr beschwert. Neulich im Treppenhaus meinte sie sogar, dass das, was ich da mache, langsam wie Musik klingt. Das war das schönste Kompliment, das ich mir vorstellen konnte. Viel besser als jeder Daumen hoch bei Facebook.

Wenn du also auch gerade vor diesen Knöpfen sitzt und verzweifelst: Schließe die Augen. Fühle die Einkerbung auf dem C-Bass. Atme tief durch, so wie ich es meinen Patienten vor einer Untersuchung sage. Und dann drück einfach. Es muss nicht perfekt sein. Es muss sich nur für dich richtig anfühlen.

Jetzt ist mein Kaffee kalt, aber das macht nichts. Die Sonne kommt gerade richtig über die Dächer von Warnemünde, und ich glaube, ich nehme die Kleine noch mal für ein paar Minuten in die Hand, bevor der Hund sein Frühstück verlangt.

Verwandte Artikel