Entspannung nach der Nachtschicht durch Ziehharmonika spielen lernen

Es ist halb eins in der Nacht, als ich den Schlüssel in der Tür meiner Wohnung in Warnemünde umdrehe. Die Kardiologie-Station war heute wieder ein Karussell aus blinkenden Monitoren, dem Geruch von Desinfektionsmitteln und Patienten, deren Herzschläge ich im Kopf mit nach Hause nehme. Draußen im Hafen ist es still, nur der Wind von der Ostsee drückt gegen die Fensterscheiben. Mein Hund hebt im Flur kurz den Kopf, wedelt einmal schläfrig und rollt sich wieder zusammen. Früher hätte ich jetzt den Fernseher angemacht, um die Bilder der Schicht zu löschen. Heute greife ich nach ihr – nach 'der Kleinen'.

Hinweis: Ich schreibe hier über meine ganz persönlichen Erfahrungen. In diesem Text findest du auch Affiliate-Links zu Kursen, die mir geholfen haben. Wenn du darüber etwas kaufst, bekomme ich eine Provision, aber für dich bleibt der Preis genau gleich. Ich empfehle nur, was ich in meinen schlaflosen Nächten und an freien Sonntagen selbst ausprobiert habe. Hier ist meine Offenlegung.

Ein trauriger Fund in Güstrow

Eigentlich wollte ich letzten August auf dem Trödelmarkt in Güstrow nur nach einer alten Teekanne suchen. Doch da stand sie, zwischen einem verbeulten Kupferkessel und einer verstaubten Briefmarkensammlung: eine kleine, zweireihige Ziehharmonika. Sie sah ein bisschen traurig aus, so als hätte sie schon ewig keine Luft mehr geholt. 45 Euro wollte der Händler haben. Ich hatte keinen Plan, keine Musikausbildung und in der Schule war ich diejenige, die im Musikunterricht nur die Triangel halten durfte. Aber ich nahm sie mit. Ohne Notenkenntnisse, einfach nur aus einem Bauchgefühl heraus.

In den ersten Wochen saß ich oft ratlos davor. Ich wusste nicht einmal, was ein 'Bass' ist oder warum dieses Ding unterschiedliche Töne macht, je nachdem, ob ich es ziehe oder drücke. Das ist das Prinzip der diatonischen Harmonika, wie ich später lernte – ein Knopf, zwei Töne. Wie im Krankenhaus: Ein Patient kann stabil wirken, aber wenn man genauer hinsieht (oder drückt), ändert sich die Lage sofort.

Das Gehirn nach der Schicht: Patientenakten vs. Knoepfe

Ich bin jetzt 42. Manchmal frage ich mich, ob mein Gehirn überhaupt noch Platz für etwas anderes hat als Medikamentendosierungen und Pflegestandards. Wenn ich nach einer Doppelschicht nach Hause komme, fühlen sich meine Finger oft steif an, fast so, als gehörten sie nicht mehr zu mir. Das Muskelgedächtnis beim Blutabnehmen funktioniert blind, aber eine C-Dur-Tonleiter auf diesen kalten Metallknöpfen zu finden, ist eine ganz andere Welt.

Ich erinnere mich an einen Abend im November. Ich saß hier am Küchentisch, der Hund schlief unter meinem Stuhl, und ich versuchte verzweifelt, diese einfache Tonleiter zu spielen. Ich drückte und zog, aber alles, was herauskam, war ein jämmerliches Quietschen. Ich hatte den Balg viel zu fest gerissen, die Luft entwich mit einem Keuchen, das mich an die Sauerstoffgeräte auf Station erinnerte. Ich war kurz davor, das Teil wieder in den Schrank zu stellen. Vierzig Minuten lang habe ich nur nach diesem einen sauberen Ton gesucht – und am Ende hatte ich nur Rückenschmerzen.

Aber dann ist da dieser Moment, wenn es plötzlich 'Klick' macht. Nicht im Kopf, sondern in den Fingern. Ein kleiner Erfolg, wie wenn ein schwieriger Patient zum ersten Mal wieder lächelt. Letzten Mittwoch habe ich es geschafft, eine Melodie drei Minuten lang halbwegs fehlerfrei zu halten. Es war kein Konzert, es war nur für mich und den schlafenden Hund. Aber in diesen zehn Minuten vor dem Schlafengehen war ich keine Krankenschwester, sondern einfach nur jemand, der Musik macht.

Struktur im Chaos: Der Weg ohne Lehrer

Im Schichtdienst ist es fast unmöglich, eine Musikschule zu besuchen. Wer gibt schon Dienstagsmorgens um zehn oder Freitagsnachts um eins Unterricht? Ich brauchte etwas, das ich in meinem eigenen Tempo machen kann. Nach ein paar Monaten des ziellosen Herumprobierens habe ich mich für den Ziehharmonika Anfängerkurs der Harmonicademy entschieden. Er kostet 147 Euro und besteht aus 21 Lektionen. Für mich war das perfekt, weil es kein Abo ist, bei dem ich mich unter Druck gesetzt fühle, wenn ich mal eine Woche nur Überstunden schiebe.

Der Kurs hat mir geholfen, das Chaos der Knöpfe zu ordnen. Besonders die Sache mit den Bassknöpfen für die linke Hand war ein Rätsel für mich. In meinem Blogbeitrag über Akkordeon Bassknöpfe lernen: Tipps für die linke Hand habe ich ja schon mal beschrieben, wie sehr ich mit der Koordination gekämpft habe. Es ist ein bisschen wie beim Reanimieren: Der Rhythmus muss stimmen, egal was um dich herum passiert. Man lernt es erst, wenn man es immer und immer wieder tut, bis die Finger von alleine wissen, wo sie hinmüssen.

Die Nachbarin und der maritime Flair

Natürlich gibt es Herausforderungen, wenn man in einem hellhörigen Haus in Warnemünde wohnt und nachts um eins anfängt zu üben. Im November gab es diesen einen Moment, als meine Nachbarin tatsächlich gegen die Wand klopfte. Ich war so erschrocken, dass ich die Ziehharmonika fast fallen gelassen hätte. Ich habe mich am nächsten Tag mit einer Packung Pralinen entschuldigt und ihr erklärt, dass ich gerade erst lerne.

Inzwischen hat sich die Lage entspannt. Letzte Woche trafen wir uns im Treppenhaus, und sie sagte mir, dass sie den 'maritimen Flair' meiner Übungseinheiten eigentlich ganz gern mag. Vielleicht liegt es daran, dass ich jetzt seltener 'keuche' und öfter mal einen sauberen Dreiklang treffe. Es ist erstaunlich, wie viel Geduld Menschen haben, wenn sie merken, dass man mit echtem Herzblut bei einer Sache ist.

Warum Ziehharmonika besser ist als Netflix

Viele meiner Kollegen schauen nach der Schicht Serien, um abzuschalten. Ich habe das auch jahrelang gemacht. Aber am Ende fühlte ich mich oft noch leerer, der Kopf war voll mit fremden Geschichten, während meine eigenen Sorgen noch da waren. Wenn ich die Ziehharmonika auf den Schoß nehme, spüre ich das Gewicht des Instruments. Ich rieche den alten Staub, der noch immer ein bisschen in den Falten des Balgs sitzt, und das kühle Metall unter meinen Kuppen. Es zwingt mich, im Moment zu sein.

Du kannst nicht an den Patienten von Zimmer 402 denken, wenn du versuchst, den Wechsel zwischen Zug und Druck sauber hinzubekommen. Wenn die linke Hand den Bass halten soll, während die rechte eine kleine Melodie sucht, ist kein Platz mehr für den Stress des Tages. Es ist eine Form von Meditation, die Krach macht.

Für alle, die wie ich spät anfangen und vielleicht auch denken, sie seien nicht musikalisch genug: Es geht nicht um Perfektion. Es geht darum, sich selbst etwas zu erlauben, das nichts mit Leistung oder Arbeit zu tun hat. Wer sich tiefer einlesen will, findet in meinem Artikel über das Ziehharmonika lernen ohne Noten für Anfänger ab 40 Jahren noch mehr Mutmacher.

Sonntagmorgen in Warnemünde

Jetzt ist es Sonntagmorgen. Der Kaffee dampft in meiner alten Ikea-Tasse, und ich sitze auf meiner kleinen Terrasse. Die Luft ist frisch, und ich schreibe diese Zeilen in mein Tagebuch, während der Hund zu meinen Füßen träumt. Die Woche war hart, der Moll-Bass sitzt immer noch nicht so, wie ich es will, und meine Finger fühlen sich nach der gestrigen Spätschicht an wie Blei.

Aber gleich werde ich 'die Kleine' wieder hervorholen. Vielleicht schaue ich mir die nächste Lektion im Anfängerkurs an, oder ich probiere einfach nur aus, wie der Wind heute durch die Stimmzungen weht. Es ist ein langsamer Weg. Aber es ist meiner. Und nach acht Monaten kann ich sagen: Die 45 Euro auf dem Trödelmarkt waren die beste Investition in meine geistige Gesundheit, die ich je getätigt habe.

Falls du auch mit dem Gedanken spielst, aber Angst vor dem Abo-Dschungel hast: Es gibt auch flexiblere Modelle wie meineMusikschule für etwa 29 Euro im Monat, wenn man erst mal nur reinschnuppern will. Aber egal wofür du dich entscheidest – fang einfach an. Deine Nachbarn gewöhnen sich schon dran.

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