
Es ist halb eins in der Nacht, der Wind drückt die salzige Ostseeluft gegen mein Küchenfenster in Warnemünde. Die Spätschicht auf der Kardiologie war lang, mein Rücken fühlt sich an wie ein altes, steifes Laken. Der Hund hat nicht mal den Kopf gehoben, als ich die Tür aufgeschlossen habe; er schläft schon unter dem Küchentisch. Und trotzdem: Ich greife zur „Kleinen“. Diese 45 Euro vom Flohmarkt in Güstrow im letzten Oktober waren die beste Investition meines Lebens, auch wenn ich anfangs dachte, ich mache mir damit körperlich den Rest.
Letzte Woche Mittwoch war so ein Moment, wo ich fast aufgegeben hätte. Nach zehn Minuten Üben zog es so heftig im rechten Schulterblatt, dass ich die Harmonika enttäuscht weggelegt habe. Ich kenne das aus dem Krankenhaus – wenn man Patienten falsch hebt, rächt sich der Körper sofort. Beim Instrument ist es nicht anders. Ich lerne gerade erst, dass Musik nicht nur aus Knöpfen und Luft besteht, sondern vor allem daraus, wie man seine 3.5 kg schwere Last eigentlich trägt, ohne sich zu verbiegen.
Der Rucksack, der keiner sein will: Die Sache mit den Gurten
Am Anfang dachte ich, die Gurte müssten so fest sitzen wie bei einem Wanderrucksack. Ich habe sie festgezurrt, bis ich kaum noch atmen konnte, weil ich Angst hatte, die Ziehharmonika rutscht mir weg. Ein fataler Fehler. Wenn ich nachts hier sitze, merke ich jetzt erst, wie wichtig die Balance ist. Meine „Kleine“ hat zwar nur 21 Melodieknöpfe, aber wenn die falsch am Körper hängen, fühlen sie sich an wie Blei.
Ich habe gelernt, dass der rechte Gurt ein kleines bisschen länger sein muss als der linke. Warum? Damit die Tastatur nicht irgendwo unter meinem Kinn klebt, sondern mittig vor meiner Brust sitzt. Wenn ich den Balg aufziehe – und dabei diesen kühlen, leicht metallischen Geruch der Falten in der Nase habe, der mich immer an den alten Dachboden meiner Oma erinnert – muss das Instrument stabil bleiben, ohne dass ich mich mit den Schultern dagegenstemmen muss.

Ein wichtiges Detail, das ich erst im Zweireihige Ziehharmonika reinigen: Tipps für alte Instrumente vom Flohmarkt Artikel kurz am Rande erwähnt hatte, sind die alten Lederriemen. Wenn die zu hart sind, schneiden sie ein. Ich habe meine mit etwas Lederfett weich gemacht. Das hilft gegen das Einschneiden, aber die echte Lösung war die Erkenntnis: Das Instrument muss auf dem linken Oberschenkel ruhen. Es ist kein Rucksack. Es ist ein Gast, der auf meinem Schoß Platz nimmt.
Der „Buckel von Warnemünde“: Warum der Blick nach unten trügt
Mein größtes Problem war der Blick. Ich wollte unbedingt sehen, was meine Finger da machen. Also habe ich den Kopf so weit nach vorne gebeugt, um die 21 Knöpfe auf der Diskantseite und die 8 Bassknöpfe links im Auge zu behalten, dass ich nach einer Viertelstunde Nackenschmerzen bekam. In der Klinik sage ich den Patienten immer: „Schauen Sie geradeaus, wenn Sie laufen.“ Und ich selbst? Ich hing über dem Balg wie ein Fragezeichen.
Ich habe angefangen, blind zu tasten. Das ist wie beim Blutabnehmen: Irgendwann „weiß“ die Hand einfach, wo die Vene liegt, man muss nicht mehr starr hinstarren. Wenn ich den Kopf gerade halte, entspannt sich mein ganzer Oberkörper. Das ist anfangs gruselig, weil man denkt, man trifft keinen Ton mehr. Aber man lernt, die Knöpfe zu fühlen. Die Finger entwickeln ein eigenes Gedächtnis, genau wie meine Routine auf Station.
Es hilft übrigens enorm, sich vor einen Spiegel zu setzen, falls man einen hat. Ich habe das im Flur probiert. Man sieht sofort, wie schief man eigentlich sitzt. Aber seien wir ehrlich: Wer will sich nachts um eins nach einer Doppelschicht im Spiegel beim Kämpfen zusehen? Ich verlasse mich lieber auf das Gefühl in den Wirbeln.
Das Geheimnis des Mitwiegens: Starrheit ist der Feind
Hier kommt meine wichtigste Erkenntnis der letzten acht Monate: Vergiss die starre Rückenhaltung. Überall liest man, man solle „kerzengerade“ sitzen. Aber das ist Quatsch. Wenn ich starr bleibe, verkrampfe ich. Ich habe gemerkt, dass ein leichtes, kontrolliertes Mitwiegen des Oberkörpers – fast wie ein ganz langsamer Tanz im Sitzen – die muskuläre Verspannung viel effektiver verhindert als das zwanghafte Verharren in einer unnatürlichen Position.
Wenn ich den Balg ziehe, neige ich mich ganz leicht mit. Wenn ich drücke, komme ich zurück. Das nimmt den Druck von den Bandscheiben. Es ist eine fließende Bewegung. Wer nur wie eine Statue dasitzt, wird nach zehn Minuten steif. Mein Körper ist nach der Arbeit sowieso schon am Limit; ich kann ihm nicht noch mehr Starre zumuten. Dieses sanfte Schaukeln beruhigt mich sogar. Manchmal merke ich, wie ich im Rhythmus des Atems spiele, und plötzlich ist der Schmerz in der Schulter weg.

Oft werde ich gefragt, ob das nicht alles zu kompliziert ist, so ganz ohne Lehrer. Aber ich habe zum Beispiel durch meinen Harmonicademy Abo Test gelernt, dass man sich diese kleinen Freiheiten nehmen darf. In den Videos dort wird zwar auch auf die Haltung geachtet, aber am Ende zählt, dass man keine Schmerzen hat. Jeder Körper ist anders. Mein Körper ist der einer 42-Jährigen, die viel hebt und rennt – da muss die Harmonika sich mir anpassen, nicht umgekehrt.
Wenn der Daumen schläft: Die Tücken der linken Hand
Ein Moment der Wahrheit: Letzten Winter hatte ich oft ein Kribbeln im linken Daumen. Es fühlte sich an wie ein eingeschlafener Fuß nach zehn Minuten Spielen. Ich dachte erst, ich hätte was an den Nerven. Aber es war nur die Handschlaufe auf der Bassseite. Ich hatte sie zu eng eingestellt, um mehr Kontrolle über den Balg zu haben. Dabei ist die linke Hand bei der Ziehharmonika eigentlich nur der „Motor“.
Die 8 Bassknöpfe brauchen gar nicht so viel Kraft. Wenn man den Riemen zu fest zieht, klemmt man sich die Blutzufuhr ab. Ich habe ihn jetzt so locker, dass meine Hand bequem durchgleiten kann, aber fest genug, dass ich beim Aufziehen nicht den Kontakt verliere. Es ist ein schmaler Grat. In der Pflege nennen wir das „Fingerspitzengefühl“. Man darf den Verband nicht zu fest wickeln, sonst stirbt das Gewebe ab – man darf ihn nicht zu locker lassen, sonst hält er nicht.
Genauso ist es mit der Ziehharmonika. Man muss lernen, dem Instrument Raum zu geben. Seit ich den Gurt lockerer habe, ist das Kribbeln weg. Ich kann jetzt sogar Mittwochabends mal eine halbe Stunde am Stück spielen, ohne dass meine Hand danach taub ist. Das ist ein riesiger Fortschritt für mich.

Sonntagsmorgen-Reflektion: Warum Bequemlichkeit kein Luxus ist
Jetzt sitze ich hier mit meinem Kaffee, die Sonne kommt langsam über die Dächer von Warnemünde. Gestern habe ich mich gefragt, ob ich eigentlich Fortschritte mache. Ich kann immer noch keine Noten lesen und weiß oft nicht, wie man einen Unterschied zwischen Ziehharmonika und Akkordeon theoretisch perfekt erklärt, außer dass meine „Kleine“ wechseltönig ist und eben anders atmet.
Aber was ich weiß: Ich sitze jetzt bequemer. Ich habe gelernt, auf meinen Körper zu hören. Das Üben ist keine Belastung mehr für meine Glieder, sondern eine Erholung. Wenn ich die richtige Haltung finde, wird das Instrument ein Teil von mir, kein Fremdkörper, den ich bändigen muss. Das ist vielleicht die wichtigste Lektion, die ich in diesen acht Monaten gelernt habe: Geduld mit sich selbst zu haben.
Manchmal, wenn die Schicht besonders hart war, setze ich mich gar nicht erst hin, sondern spiele im Stehen. Das geht auch, wenn man die Gurte entsprechend anpasst. Aber meistens ist es der Küchenstuhl, der Hund zu meinen Füßen und das Wissen, dass ich heute keine einzige Patientenakte mehr sehen muss. Nur ich, die 21 Knöpfe und ein Rücken, der endlich mal nicht schreit.
Falls du auch gerade erst anfängst: Achte auf dein Atmen. Achte darauf, wo deine Schultern sind. Wenn sie an den Ohren kleben, lass sie locker. Wir tragen im Alltag schon genug Last auf den Schultern, die Ziehharmonika sollte uns Leichtigkeit schenken, keine neuen Verspannungen. Es ist ein Prozess, genau wie das Lernen der Melodien. Aber es lohnt sich, jede Minute, die man in die richtige Haltung investiert.