Zweireihige Ziehharmonika reinigen: Tipps für alte Instrumente vom Flohmarkt

Es ist kurz nach Mitternacht, als ich die Tür zu meiner kleinen Wohnung in Warnemünde hinter mir zuziehe. Die Spätschicht auf der Kardiologie war lang, ein Patient war besonders unruhig, und meine Beine fühlen sich an wie Blei. Ich setze mich in den Sessel, schalte die Stehlampe ein und da steht sie auf dem Tisch: meine Kleine. Im warmen Licht tanzt der Staub in den Falten ihres Balgs, und ich merke, dass ich ihr nach acht Monaten mehr schulde als nur das bloße Drücken der Knöpfe vor dem Schlafengehen.

Ich erinnere mich noch genau an den Tag im letzten Spätsommer auf dem Flohmarkt in Güstrow. Da stand sie zwischen einem alten Kupferkessel und einer verstaubten Briefmarkensammlung. Sie sah so traurig aus, dass ich sie für 45 Euro einfach mitnehmen musste, ohne Plan, ohne Ahnung. Seitdem ist sie meine nächtliche Therapie. Aber heute geht es nicht ums Spielen. Heute geht es darum, ihr den Respekt zu zollen, den ein altes Instrument verdient, das Jahrzehnte auf Dachböden oder in Kellern überlebt hat.

Acht Monate Staub und die Angst vor dem ersten Putzen

Lange habe ich mich nicht getraut, sie wirklich zu reinigen. Ich hatte Angst, etwas kaputt zu machen. In der Klinik weiß ich genau, welcher Handgriff sitzt, wie man eine Kanüle legt oder einen Verband wechselt. Aber bei dieser diatonischen Ziehharmonika? Da war ich unsicher. Die Oberfläche fühlte sich klebrig an, ein Mix aus altem Nikotin, Fett und der Zeit selbst.

Vor drei Wochen, an einem freien Vormittag, habe ich mich dann endlich getraut. Ich saß auf meiner Terrasse, der Wind von der Ostsee her wehte den Kaffeeduft herüber, und ich legte mir alles bereit. Man braucht keine teuren Spezialmittel. Ein weicher Pinsel, ein paar Wattestäbchen und ein nur nebelfeuchtes Tuch reichen oft schon aus. Ich habe gelernt, dass man bei alten Instrumenten eher wie bei einem Patienten mit empfindlicher Haut vorgehen muss: vorsichtig, mit wenig Druck und viel Geduld.

Nahaufnahme der Reinigung der Akkordeonknöpfe mit einem weichen Pinsel

Der Pinsel und die 21 Knöpfe

Meine Kleine ist ein klassisches zweireihiges Modell. Das bedeutet, sie hat im Diskant – also dort, wo ich die Melodie spiele – genau 21 Knöpfe. Elf in der ersten Reihe, zehn in der zweiten. Zwischen diesen Knöpfen hatte sich über die Jahre so viel Dreck angesammelt, dass manche fast stecken blieben.

Ich habe mit dem Pinsel angefangen. Es ist eine meditative Arbeit, fast wie das Sortieren von Medikamenten für die nächste Schicht. Man geht in jede Ritze. Man darf auf keinen Fall Wasser in die Mechanik laufen lassen. Die Knöpfe sind bei diesen alten Modellen oft aus Kunststoff oder Bein, und darunter liegt die Mechanik, die die Klappen öffnet. Wenn da Feuchtigkeit reinkommt, fangen die Metallteile an zu rosten. Und Rost ist für eine Ziehharmonika wie eine Infektion, die man nicht mehr loswird.

Ich wusste ja anfangs gar nicht, was der Unterschied zwischen Ziehharmonika und Akkordeon eigentlich ist, aber beim Reinigen merkt man es. Alles ist ein bisschen einfacher, mechanischer, ehrlicher. Auch die 8 Bassknöpfe auf der linken Seite haben eine gründliche Abreibung mit dem trockenen Pinsel bekommen. Es ist erstaunlich, wie viel Staub aus so einem kleinen Kasten kommen kann.

Zwischen Leder, Leinen und Karton: Die Pflege des Balgs

Der Balg ist das Herzstück. Ohne ihn gibt es keine Luft und keinen Ton. Bei meiner Kleinen besteht er traditionell aus Karton, Leder und Leinen. Das ist eine empfindliche Mischung. Wenn der Balg rissig wird, entweicht die Luft, und das Spielen wird anstrengend – wie ein Patient mit Atemnot.

Ich habe die Balgecken vorsichtig mit einem weichen Tuch abgerieben. Dabei stieg mir dieser ganz spezielle Geruch in die Nase: eine Mischung aus altem Dachboden und Bohnerwachs. Das ist der Duft der Geschichte dieses Instruments. Manche Leute wollen diesen Geruch unbedingt loswerden, aber ich finde, er gehört dazu. Er erinnert mich daran, dass ich nicht die Erste bin, die auf diesen Knöpfen ihre Sorgen wegdrückt.

Man sollte den Balg niemals mit Lederpflege aus dem Schuhladen behandeln. Das Zeug ist oft zu fettig und verklebt die Poren des Materials. Ein trockenes Tuch reicht meistens. Wenn der Balg wirklich muffig riecht, hilft es, das Instrument für ein paar Stunden an einem trockenen, gut gelüfteten Ort (aber nicht in der prallen Sonne!) offen stehen zu lassen. Meine Nachbarin hat sich anfangs ja über die Lautstärke beschwert, wie ich in meinem Bericht über Mietwohnung und Akkordeon erzählt habe, aber beim Lüften auf der Terrasse sagt sie inzwischen nichts mehr. Wahrscheinlich hat sie sich an das Bild der Frau mit der Ziehharmonika gewöhnt.

Detailansicht des Balgs einer alten Ziehharmonika aus Leder und Karton

Warum man bei alten Schätzen nicht zu tief graben sollte

Hier kommt ein Punkt, den ich erst durch Ausprobieren und viel Lesen in Foren gelernt habe: Man kann ein altes Instrument auch „kaputtreinigen“. Es gibt Leute, die schrauben alles auseinander und wollen, dass es innen glänzt wie ein OP-Saal. Aber das ist ein Fehler.

Die Stimmzungen im Inneren bestehen aus Stahl und sind extrem empfindlich gegenüber Feuchtigkeit. Wenn man da mit Reinigungsmitteln rangeht, riskiert man Rost. Aber noch wichtiger: Bei diesen alten Modellen sind die Stimmstöcke oft mit einer Art Wachs abgedichtet. Dieses Wachs wird über die Jahrzehnte spröde, hält aber oft noch erstaunlich dicht. Wenn man nun versucht, alles akribisch sauber zu kratzen, zerstört man diese natürliche Abdichtung und die notwendige Patina.

Das Instrument verliert seinen Charakter und – was schlimmer ist – seine Dichtigkeit. Es ist wie bei einem alten Menschen: Man kann nicht erwarten, dass die Gelenke wieder wie bei einem Zwanzigjährigen funktionieren. Man muss mit den kleinen Schwächen leben und sie als Teil des Ganzen akzeptieren. Eine zu gründliche Innenreinigung kann mehr schaden als nützen. Solange sie spielt und die Töne sauber kommen, lasse ich das Innere weitgehend in Ruhe.

Die Sache mit dem Zelluloid

Viele dieser alten Flohmarktfunde haben ein Gehäuse aus Zelluloid. Das ist ein Material, das toll glänzen kann, aber tückisch ist. Wenn es falsch gelagert wurde, kann es anfangen, sich zu zersetzen. Das riecht dann streng nach Essig. Meine Kleine hat diesen Geruch zum Glück nicht, aber sie war stumpf.

Ein ganz leicht nebelfeuchtes Tuch mit einem Tropfen milder Seife – wirklich nur ein Tropfen – hat Wunder gewirkt. Danach sofort mit einem weichen Baumwolltuch trockenpolieren. Als ich das gemacht habe, kamen plötzlich feine Intarsien zum Vorschein, kleine Muster im Holz und in der Verzierung, die vorher unter dem Schmutz der Jahrzehnte verborgen waren. Es war ein Moment der Stille, nur mein Hund bellte kurz leise im Schlaf unter meinem Stuhl. Ich fühlte mich wie eine Entdeckerin.

Der Schreckmoment: Wenn Kleinteile flüchten gehen

Natürlich lief nicht alles glatt. Beim vorsichtigen Abwischen der Gehäusekante passierte es: Einer dieser winzigen Gehäusestifte, die das Oberteil mit dem Balg verbinden, löste sich und rollte mit einem hellen „Pling“ über den Boden. Mein Herz klopfte sofort schneller – das gleiche Gefühl wie auf Station, wenn ein Monitor Alarm schlägt und man noch nicht weiß, warum.

Ich lag zehn Minuten lang auf allen Vieren mit der Taschenlampe unter der Kommode und habe im Staub gesucht. Gefunden habe ich ihn schließlich in einer Ritze der Dielen. Diese kleinen Stifte sind lebenswichtig für den Zusammenhalt. Wenn du also anfängst zu putzen: Leg ein helles Laken unter, damit du alles siehst, was eventuell abfällt. Diese alten Dinger sind manchmal nur noch durch Gewohnheit und ein bisschen altes Fett zusammengehalten.

Wenn du merkst, dass das Reinigen allein nicht reicht und du wirklich fundierte Hilfe beim Lernen suchst, habe ich neulich mal das Harmonicademy Abo ausprobiert. Das hilft zwar nicht beim Putzen, aber es gibt einem ein besseres Gefühl dafür, wie das Instrument eigentlich funktionieren sollte, wenn es sauber ist.

Was unter dem Schmutz zum Vorschein kam

Nach zwei Stunden Arbeit sah die Ziehharmonika anders aus. Nicht neu – das soll sie auch gar nicht – aber sie glänzte matt und zufrieden. Die 21 Knöpfe ließen sich wieder leichter drücken, ohne dieses knirschende Geräusch von altem Staub. Es ist wie mit den Patienten auf meiner Station: Ein bisschen Zuwendung, eine frische Wäsche und ein freundliches Wort verändern die ganze Ausstrahlung.

Ich habe sie dann kurz angespielt. Nur ein paar Töne, nichts Wildes. Der Moll-Bass, mit dem ich immer noch kämpfe, klang irgendwie klarer. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, aber ich glaube, sie atmet jetzt leichter.

Sonntagmorgen in Warnemünde

Heute ist wieder so ein Sonntagmorgen. Ich sitze mit meinem Kaffee auf der Terrasse, die Kleine liegt auf meinem Schoß. Ich schreibe diese Zeilen in mein Tagebuch, während die Sonne langsam über die Dächer kriecht. Die Reinigung war eine gute Entscheidung. Es hat mir geholfen, eine Verbindung zu diesem Instrument aufzubauen, die über das bloße Üben hinausgeht.

Man lernt beim Putzen die Schwachstellen kennen. Man merkt, welcher Knopf ein bisschen Spiel hat und wo der Balg vielleicht in ein paar Monaten eine Reparatur braucht. Das ist wie die Routine auf Station – man muss die Details kennen, um das große Ganze zu verstehen.

Wenn du also auch so einen Fund vom Flohmarkt zu Hause hast: Hab keine Angst. Sei vorsichtig, sei geduldig und akzeptiere die Patina. Ein Instrument, das 50 Jahre oder älter ist, darf seine Geschichte zeigen. Es muss nicht perfekt sein, um perfekt für dich zu sein. Jetzt werde ich noch zehn Minuten üben, bevor der Trubel in Warnemünde richtig losgeht. Nur ich, die Kleine und der Geruch von altem Wachs und frischem Kaffee.

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