Akkordeon für Anfänger: Tipps für den Einstieg ohne Lehrer

Es ist fast eins in der Nacht, die Station 4 war heute unruhig, und meine Beine fühlen sich an wie Blei. Warnemünde schläft schon, nur der Wind von der Ostsee drückt ein bisschen gegen das Küchenfenster. Ich sitze hier, die kleine Ziehharmonika auf den Knien, und spüre das kühle Gehäuse an meinen Oberschenkeln. Es ist ein seltsamer Kontrast zu den sterilen Plastikoberflächen und dem Geruch von Desinfektionsmittel, den ich den ganzen Tag in der Nase hatte.

Ein Fundstück aus Güstrow

Vielleicht sollte ich kurz erzählen, wie ich überhaupt dazu gekommen bin. Es war im letzten September, ein leicht grauer Samstag auf dem Trödelmarkt in Güstrow. Da stand sie, zwischen einem verbeulten Kupferkessel und einer vergilbten Briefmarkensammlung. Sie sah irgendwie einsam aus, ein bisschen traurig sogar. 45 Euro hat sie gekostet. Ich hatte keinen Plan, keine Ahnung von Musik und erst recht keine Ausbildung. Aber ich dachte mir: Wenn ich lernen kann, bei einem unruhigen Patienten im Halbdunkel eine Kanüle zu legen, dann werde ich ja wohl auch ein paar Knöpfe drücken können.

Ich habe keine Lehrerin gesucht. Nicht, weil ich glaube, dass ich alles besser weiß, sondern weil mein Schichtplan in der Kardiologie ohnehin jedes soziale Leben und jeden festen Termin im Keim erstickt. Wer will schon eine Schülerin, die mal am Dienstagmorgen um zehn und mal am Freitagabend um elf auftaucht? Also habe ich beschlossen, es allein zu versuchen. Nur ich, die Kleine und mein Hund, der anfangs immer skeptisch den Kopf schief gelegt hat, inzwischen aber meistens einfach unter meinem Stuhl weiterschläft.

Die mechanische Hürde: 21 Knöpfe und ein störrischer Balg

Der erste Tipp, den ich jedem geben kann, der sich ohne Lehrer an so ein Ding wagt: Verabschiede dich von der Vorstellung, dass es sofort nach Musik klingt. In den ersten Wochen im Herbst klang es eher so, als würde ich eine sehr alte, sehr kranke Katze quälen. Meine diatonische Harmonika ist wechseltönig. Das bedeutet, wenn ich ziehe, kommt ein anderer Ton, als wenn ich drücke – obwohl ich denselben Knopf halte. Das hat mich wahnsinnig gemacht.

Ich habe 21 Melodieknöpfe auf der rechten Seite. Das klingt nach wenig, aber wenn man nachts nach einer Doppelschicht versucht, den Ringfinger unabhängig vom Mittelfinger zu bewegen, fühlt es sich an wie Hochleistungssport. Es ist wie beim Blutabnehmen: Am Anfang zittert man, man überlegt jeden Schritt, aber irgendwann geht es in das Fleisch über. Das Muskelgedächtnis ist mein bester Freund geworden.

Ein Moment des Scheiterns, der mir besonders im Gedächtnis blieb: Es war ein Mittwoch im November. Ich wollte unbedingt eine einfache Melodie spielen, die ich im Kopf hatte. Aber ich vergaß die Lufttaste. Kennst du das peinliche, heisere Keuchen des Instruments, wenn man versucht, den Balg mit Gewalt zu schließen, ohne dass die Luft entweichen kann? Es klingt wie ein Patient mit schwerer Atemnot. Ich habe die Kleine frustriert zur Seite gestellt und erst mal drei Tage nicht angefasst.

Der wichtigste Rat: Vergiss die Noten

Hier kommt mein ganz persönlicher Ansatz, der vielleicht gegen alles spricht, was man in der Musikschule lernt: Wenn du spät im Leben anfängst und wenig Zeit hast, dann lass die Noten erst mal ganz weg. Ich weiß bis heute nicht wirklich, wie man eine Partitur liest. Ich weiß nicht mal genau, was eine Terz ist, obwohl ich sie wahrscheinlich ständig spiele. Ich habe gemerkt, dass mein Gehirn nach der Arbeit keine Kapazität mehr für abstrakte Symbole hat.

Stattdessen habe ich angefangen, intuitiv zu fühlen. Wo liegen die Töne, die zueinander passen? Ich schließe die Augen und drücke. Wenn es schräg klingt, korrigiere ich. Das ist wie bei der Stationsroutine – man entwickelt ein Gespür für die Situation. Ziehharmonika lernen ohne Noten für Anfänger ab 40 Jahren war für mich der einzige Weg, um nicht frustriert aufzugeben. Es geht um den Klang, um die Vibration im Brustkorb, nicht um die Theorie auf dem Papier.

Die linke Hand – Das Fundament aus 8 Knöpfen

Auf der linken Seite habe ich nur 8 Bassknöpfe. Aber diese acht Knöpfe sind die Hölle, wenn man sie mit der rechten Hand koordinieren muss. Es ist, als müsste man gleichzeitig einen Bericht schreiben und einem Patienten den Puls fühlen. Manchmal verliere ich den Rhythmus komplett, sobald ich versuche, eine Melodie auf den 21 Knöpfen rechts zu spielen. Ein kleiner Tipp von mir: Übe den Bass blind. Setz dich vor den Fernseher (oder wie ich, einfach in die Stille der Nacht) und drücke nur den Bass, bis dein Arm den Abstand kennt. Ich habe dazu mal ein paar Gedanken aufgeschrieben, wie man die Akkordeon Bassknöpfe lernen kann, ohne den Verstand zu verlieren.

Sinnliche Momente und kleine Siege

Es gibt diesen einen Moment, für den ich das alles mache. Wenn ich den ersten tiefen Bassknopf drücke und dieser kurze, kühle Luftstoß aus dem Balg mir direkt ins Gesicht weht. Es riecht nach altem Staub und ein bisschen nach Wachs. In diesem Augenblick fällt der ganze Stress der Kardiologie von mir ab. Die unruhigen Angehörigen, die piependen Monitore, die Hektik auf dem Flur – alles weg.

Im Januar, während dieser dunklen Nachtschicht-Wochen, habe ich gemerkt, dass mir diese zehn Minuten vor dem Schlafengehen mehr geben als jede Netflix-Serie. Es ist etwas Echtes. Etwas, das ich mit meinen Händen erschaffe. Auch wenn die Nachbarin sich am Anfang beschwert hat (ich glaube, mein C-Dur-Akkord war damals eher ein C-Schmerz-Akkord), ist es inzwischen ruhig geworden. Vielleicht hat sie sich an das leise Pumpen gewöhnt, oder ich bin einfach besser geworden.

Letzten Mittwoch habe ich es tatsächlich geschafft, eine Melodie drei Minuten lang ohne Fehler zu spielen. Es war nichts Kompliziertes, nur ein einfaches Volkslied, das ich noch aus der Kindheit im Kopf hatte. Aber das Gefühl, als die Finger einfach wussten, wo sie hinmussten, ohne dass ich nachdenken musste – das war wie der Moment, in dem eine Reanimation glückt und das Herz wieder von alleine schlägt. Ein reiner, klarer Erfolg.

Tipps für deinen eigenen Weg

Ich merke oft, wie sehr mir diese Entspannung nach der Nachtschicht durch Ziehharmonika spielen lernen hilft, den Kopf frei zu bekommen. Es ist mein privater kleiner Anker in Warnemünde. Wenn ich sonntags morgens mit meinem Kaffee auf der Terrasse sitze und die Woche Revue passieren lasse, dann schreibe ich oft in mein kleines Heft: "Mittwoch: Der Moll-Bass hat endlich nicht mehr gequietscht." Solche Sätze sind für mich mehr wert als jede Auszeichnung.

Jetzt ist es fast halb zwei. Mein Hund hat sich einmal im Schlaf umgedreht und kurz geschnauft. Ich werde die Kleine jetzt vorsichtig in ihren Koffer legen. Morgen früh wartet die Station wieder auf mich, aber ich weiß, dass ich mich auf den nächsten Abend freuen kann. Wenn du auch überlegst, anzufangen: Tu es einfach. Kauf dir ein gebrauchtes Ding, setz dich hin und fang an zu drücken. Der Rest kommt von ganz allein, Knopf für Knopf.

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