Balgkontrolle lernen auf der Ziehharmonika: Meine Tipps für gleichmäßigen Ton

Es war Mittwochabend, eigentlich schon Donnerstag, kurz nach halb eins nachts. Die Spätschicht auf der Kardiologie war lang, ein Notfall kurz vor Übergabe hat alles nach hinten verschoben. Jetzt sitze ich hier in Warnemünde, das Fenster einen Spalt offen, damit die kühle Ostseeluft das Wohnzimmer klärt. Der Hund schnarcht leise unter meinem Stuhl. Vor mir steht 'die Kleine' – meine 45-Euro-Ziehharmonika vom Trödelmarkt in Güstrow. Wenn ich sie jetzt aufziehe, kommt mir dieser ganz eigene Geruch entgegen: eine Mischung aus altem Staub, ein bisschen Leder und kaltem Metall. Es ist der Geruch von acht Monaten Üben, von Frust und kleinen Siegen.

Ich habe heute versucht, nur einen einzigen Ton zu halten. Ganz leise, ganz gleichmäßig. Aber es klang wieder wie ein Asthmatiker nach dem Treppensteigen. Als Krankenschwester weiß ich, wie wichtig ein ruhiger Atem ist. Bei meinen Patienten achte ich auf jede Atembewegung, aber bei meiner Ziehharmonika? Da zittert mein linker Arm, als hätte ich zu viel Kaffee getrunken. Dabei ist der Balg doch eigentlich nichts anderes als die Lunge dieses wunderbaren, hölzernen Kastens.

Der Balg: Mehr als nur Pappe und Falten

Mitte November, als ich etwa zwei Monate dabei war, dachte ich noch, man muss einfach nur kräftig ziehen. Ich dachte, Lautstärke kommt von Gewalt. Aber meine 21 Diskantknöpfe und die 8 Bassknöpfe haben mir schnell gezeigt, dass sie das nicht mögen. Wenn ich zu fest ziehe, bricht der Ton ab oder er klingt so schrill, dass die Nachbarin von nebenan klopft (was sie zum Glück schon länger nicht mehr getan hat). Ein gleichmäßiger Ton braucht keinen Kraftakt, sondern Führung.

Manchmal vergesse ich vor lauter Konzentration auf die rechte Hand – die Finger, die die Melodie suchen –, dass die linke Hand die eigentliche Arbeit macht. Dann merke ich dieses brennende Gefühl im linken Unterarm, ein Ziehen, das bis in die Schulter geht. Das passiert immer dann, wenn ich versuche, den Balg festzuhalten, anstatt ihn fließen zu lassen. Es ist wie beim Blutabnehmen: Wenn man zu verkrampft ist, trifft man die Vene nicht. Man braucht diese lockere Bestimmtheit.

Detailaufnahme der Balgfalten einer alten Ziehharmonika im sanften Licht.

Warum Widerstand dein bester Freund ist

In den ersten drei Monaten habe ich versucht, den Balg so sanft wie möglich zu führen. Ich wollte bloß nichts falsch machen. Aber ein interessanter Wendepunkt kam an einem stürmischen Abend im März. Der Wind drückte gegen die Scheiben und ich war so müde, dass ich mich einfach nur gegen das Instrument gelehnt habe. Dabei habe ich etwas gemerkt: Anstatt den Balg immer nur sanft zu führen, solltest du bewusst mit gezielten Widerständen arbeiten, um die Feinmotorik der kleinen Muskeln aktiv zu trainieren.

Das klingt erst mal paradox. Man denkt, man müsse locker lassen. Aber um die Kontrolle über diesen riesigen Luftstrom zu bekommen, muss man lernen, wie viel Gegendruck das Instrument braucht. Ich habe angefangen, den Balg gegen den Widerstand des Luftknopfs zu bewegen, ohne einen Ton zu spielen. Nur das Rauschen der Luft. Das trainiert die Muskulatur im Unterarm viel besser als das reine Spielen von Liedern. Es ist wie Krankengymnastik für die Harmonika-Hand. Man lernt, die Schwerkraft des Gehäuses für sich arbeiten zu lassen. Wenn 'die Kleine' nach unten sinkt, muss ich sie nicht ziehen – ich muss sie nur kontrolliert fallen lassen.

Wenn du merkst, dass dein Instrument nach dem Fund auf dem Flohmarkt etwas schwerfällig reagiert, schau dir mal an, wie man eine zweireihige Ziehharmonika reinigen kann, bevor du dich an die Feinheiten der Balgführung wagst. Staub in den Stimmzungen kann nämlich auch dafür sorgen, dass der Ton ungleichmäßig kommt, egal wie gut du ziehst.

Die Sache mit dem Luftknopf

Der Luftknopf war am Anfang mein größter Feind. Dieser kleine Knopf an der Seite, den man mit dem Daumen oder dem kleinen Finger drückt, damit der Balg leerläuft. Ich habe ihn entweder vergessen (und stand dann mit einem komplett aufgezogenen Balg da wie ein Segelschiff bei Flaute) oder ich habe ihn zu hektisch gedrückt, was ein zischendes Geräusch machte, das jede Melodie zerstört hat.

Inzwischen sehe ich den Luftknopf als das Ausatmen an. Wenn ich eine Phrase zu Ende gespielt habe, atme ich mit dem Instrument gemeinsam aus. Das braucht Zeit. Ich habe mir angewöhnt, abends nach der Schicht erst mal fünf Minuten nur das 'Atmen' zu üben. Aufziehen, Luftknopf drücken, zuschieben. Ganz ohne Töne. Mein Hund hat sich an das Geräusch gewöhnt; er hebt nicht mal mehr den Kopf.

Was mir auch geholfen hat, war die Erkenntnis, dass die Haltung alles beeinflusst. Wenn ich krumm auf dem Sofa sitze, kann der Balg nicht frei schwingen. Ich habe dazu mal etwas über die richtige Haltung für Anfänger geschrieben, weil mein Rücken nach den Doppelschichten im Krankenhaus sowieso schon genug meckert. Wenn die Basis stimmt, fällt die Balgkontrolle halb so schwer.

Eine Hand am Bassriemen einer Ziehharmonika, die die Balgführung kontrolliert.

Übung macht den Meister (oder zumindest eine glücklichere Krankenschwester)

Gestern, am letzten Sonntagmorgen, saß ich mit meinem Kaffee auf der Terrasse. Die Sonne kam gerade über die Dächer von Warnemünde. Ich habe versucht, eine Melodie, die ich am Mittwoch drei Minuten lang halbwegs hinbekommen hatte, noch einmal zu spielen. Es war faszinierend: Die Umschaltbewegung zwischen Zug und Druck – dieser Moment, in dem die Luft die Richtung ändert – war plötzlich nicht mehr so holprig. Es war kein Ruck mehr, sondern ein sanfter Übergang.

Das Geheimnis war, den Druck schon eine Millisekunde vor dem Richtungswechsel leicht zu reduzieren. Als würde man beim Auto kurz vor dem Schalten vom Gas gehen. Das lernt man nicht aus Büchern, das muss man fühlen. Meine Finger, die sich nach einer Schicht manchmal anfühlen wie steife Holzstöcke, werden durch diese feinen Bewegungen seltsamerweise wieder lebendig. Es ist eine andere Art von Arbeit als das Ausfüllen von Patientenakten oder das Überprüfen von EKGs.

Ich nutze inzwischen auch ab und zu Hilfe aus dem Internet, wenn ich nicht weiterkomme. Ich habe in meinem Bericht zum Online-Unterricht schon mal erzählt, wie mir diese strukturierten Lektionen geholfen haben, überhaupt zu verstehen, was ein 'Bass' ist und wie er mit der Balgbewegung zusammenhängt. Manchmal braucht man einfach jemanden, der einem sagt: 'Lass die Schulter locker'.

Heute ist wieder Sonntag. Der Kaffee ist fast leer, der Wind weht von der Ostsee herüber. 'Die Kleine' glänzt ein bisschen in der Morgensonne. Sie ist nicht perfekt, sie hat Schrammen und die Bassknöpfe klappern manchmal, aber wir beide lernen uns immer besser kennen. Wenn ich heute Abend wieder zur Nachtschicht gehe, werde ich das Gewicht des Instruments noch in den Armen spüren. Und ich werde mich auf den Moment freuen, wenn ich morgen früh wieder nach Hause komme, alles still ist und ich der Kleinen einfach nur beim Atmen zuhöre.

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