
Es ist halb eins nachts in Warnemünde. Der Geruch von Desinfektionsmittel hängt noch schwach in meinen Kleidern, während ich in der dunklen Küche sitze und die kühle, leicht raue Oberfläche des Gehäuses meiner Kleinen unter den Unterarmen spüre. Der Balg riecht nach altem Staub und dem Speicher in Güstrow, wo ich sie letztes Jahr im späten Herbst für etwa 45 Euro gefunden habe.
Ich habe keine Ahnung von Noten. In der Schule habe ich nie ein Instrument gelernt, und auf der Kardiologie-Station lerne ich eher, wie man EKG-Kurven liest, als Violinschlüssel. Aber wenn ich hier sitze und die Tasten drücke, fühlt sich das Leben für zehn Minuten nicht mehr nach Patientenakten an.
Der Start im Alleingang: 8 Knöpfe und viel Verwirrung
Als ich die Ziehharmonika kaufte, wusste ich nicht einmal, dass sie zwei Reihen hat und wechseltönig ist – also dass beim Ziehen ein anderer Ton kommt als beim Drücken. Das war frustrierend. Ich saß da mit meinen 8 Bassknöpfen und wusste nicht, welcher wofür gut ist. Es war ein bisschen wie Blutabnehmen bei einem Patienten mit schwierigen Venen: Man braucht Geduld und das richtige Gefühl, aber ohne Anleitung sticht man nur im Dunkeln.

Ich habe anfangs versucht, es mir selbst beizubringen. Es gibt ja Akkordeon Tipps für den Einstieg ohne Lehrer, aber nach ein paar Wochen merkte ich, dass ich feststeckte. Ich wusste nicht, wie ich die linke und die rechte Hand gleichzeitig bewegen soll, ohne dass mein Gehirn einen Kurzschluss bekommt.
Warum ein Online-Kurs für Schichtarbeiter?
Eine normale Musikschule kam für mich nie infrage. Wer gibt schon Dienstagsmorgens um drei oder Donnerstags um Mitternacht Unterricht? Ich brauchte etwas, das sich meinem Dienstplan anpasst. An einem verregneten Abend im März stieß ich dann auf den Kurs von "Meine Musikschule".
Das Konzept klang einfach: Videos, die man jederzeit abrufen kann. Für jemanden wie mich, die nach einer Doppelschicht manchmal nur noch die Kraft hat, zehn Minuten lang Knöpfe zu drücken, klang das perfekt. Ich wollte keine Konzertpianistin werden, ich wollte nur, dass die Töne nicht mehr so traurig klingen wie in dem Regal in Güstrow.

Besonders die Erklärungen zu den Bässen haben mir geholfen. Wenn man lernt, wie die Akkordeon Bassknöpfe für die linke Hand funktionieren, fängt das Instrument erst an zu atmen. Bei dem Kurs wird alles in kleinen Häppchen serviert, was meinem müden Kopf sehr entgegenkam.
Die Tücke mit der Haltung: Ein ehrliches Wort
Aber ich muss auch ehrlich sein, so wie ich es sonntags in meinem Tagebuch bin. Ein Online-Kurs hat eine große Schwachstelle, die mir erst nach etwa vier Monaten bewusst wurde. Da ist niemand, der dir physisch auf die Schulter tippt und sagt: "Mensch, lass die Schultern locker!"
Ich habe gemerkt, dass ich oft sehr verkrampft dasitze, besonders wenn ich versuche, den Balgdruck richtig zu dosieren. In der Pflege wissen wir, wie wichtig Ergonomie ist, um den Rücken zu schonen. Beim Akkordeon ist es ähnlich. Online-Kurse führen bei Anfängern oft zu einer schleichenden Fehlhaltung, weil die direkte Korrektur fehlt. Ich habe mir angewöhnt, ab und zu vor dem Flurspiegel zu üben, um zu sehen, ob ich wieder wie eine Schildkröte zusammengesunken bin.

Der Moment, in dem es Klick machte
Letzten Mittwoch passierte es dann. Ich übte eine kleine Melodie, nichts Wildes, nur drei Akkorde. Und plötzlich lief es. Der Wechsel zwischen Zug und Druck fühlte sich nicht mehr wie Arbeit an, sondern wie Atmen. Mein Hund, der sonst bei schiefen Tönen immer kurz die Ohren aufstellt, schlief einfach unter meinem Stuhl weiter.
Sogar meine Nachbarin hat aufgehört, gegen die Wand zu klopfen. Am Anfang war das "Quietschen" wohl schwer zu ertragen, aber mittlerweile erkennt man die Lieder. In einer Mietwohnung muss man beim Akkordeon Üben eben besonders rücksichtsvoll sein, aber wenn es nach Musik klingt, verzeihen die Leute vieles.
Lohnt sich der Kurs für Späteinsteiger?
Jetzt, nach insgesamt 8 Monaten mit meiner Kleinen, sitze ich hier auf der Terrasse in der Morgensonne. Der Kaffee schmeckt gut, und ich schaue auf meine Notizen der letzten Woche. Der Moll-Bass sitzt immer noch nicht perfekt, und meine Finger sind nach langen Schichten oft steif.

Lohnt sich der Online-Unterricht? Für mich: Ja. Er gibt mir eine Struktur, die ich im Chaos des Klinikalltags oft vermisse. Er ersetzt keinen echten Lehrer, der neben einem sitzt und die Handhaltung korrigiert – das muss man selbst im Blick behalten. Aber er gibt mir die Freiheit, dann zu lernen, wenn ich die Ruhe dazu finde.
Es ist ein langsamer Weg. Aber jeder Knopf, den ich jetzt blind finde, fühlt sich an wie ein kleiner Sieg über die Erschöpfung. Es ist okay, spät im Leben etwas Neues anzufangen, auch wenn man dabei manchmal ein bisschen schief klingt.