
Es ist halb eins nachts. Die Station war heute unruhig, die Übergabe hat sich gezogen, und mein Rücken fühlt sich an wie ein zu fest gespannter Gurt. Warnemünde schläft schon fast, nur der Wind von der Ostsee drückt ein bisschen gegen die Küchenfenster. Ich sitze hier mit einem Glas Wasser, die „Kleine“ auf den Knien. So nenne ich die zweireihige Ziehharmonika, die ich letzten Oktober für 45 Euro auf dem Flohmarkt in Güstrow gefunden habe. Sie lag da zwischen einem alten Kupferkessel und einer Briefmarkensammlung, und irgendwie sah sie aus, als bräuchte sie jemanden, der sie mal wieder atmen lässt.
Ich habe keine Musikausbildung. Wenn ich Notenblätter sehe, fühle ich mich wie vor einer Patientenakte, bei der die Handschrift des Arztes völlig unleserlich ist – ich erkenne, dass da Informationen stehen, aber mein Kopf kann sie nicht übersetzen. Also mache ich es wie auf der Kardiologie: Ich höre zu. Ich taste mich vor. Ich lerne, wie man eine Melodie findet, ohne dass ein Blatt Papier mir sagt, was richtig ist. Das ist manchmal frustrierend, aber wenn es klappt, fühlt es sich besser an als jede Serie auf Netflix.
Das Gefühl für die Knöpfe und den Wind
Meine Ziehharmonika hat genau 21 Melodieknöpfe auf der rechten Seite. Das klingt nach wenig, aber wenn man nachts nach einer Schicht davor sitzt, wirken sie wie ein Labyrinth. Am Anfang dachte ich, ich müsste jeden Knopf auswendig lernen, wie Vokabeln. Aber das funktioniert nicht, wenn man müde ist. Was funktioniert, ist das Summen. Ich summe eine ganz einfache Melodie im Kopf, meistens etwas Altes, das ich noch von meiner Oma kenne, wie „Dat du mien Leevsten büst“.
Während ich summe, fange ich an zu suchen. Ich drücke einen Knopf, ziehe am Balg und höre. Wenn ich den Balg bewege, spüre ich diesen kühlen Luftzug, der mir beim Spielen gegen das Kinn weht. Es riecht dann immer ein bisschen nach altem Holz und Leder, ein Geruch, der so gar nichts mit Desinfektionsmitteln zu tun hat. Das ist der Moment, in dem ich abschalte. Ich suche den ersten Ton. Meistens ist er in der ersten Reihe, die bei meiner Kleinen in C-Dur gestimmt ist.

Das Schwierigste für mich war zu verstehen, dass dieses Instrument diatonisch ist. Das heißt, es ist wechseltönig: Drücke ich den Balg zusammen, kommt ein anderer Ton aus demselben Knopf, als wenn ich ihn auseinanderziehe. Das hat mich in den dunklen Januarnächten fast in den Wahnsinn getrieben. Man denkt, man hat den richtigen Knopf für die Melodie gefunden, aber dann geht einem die Luft aus, man muss drücken statt ziehen, und plötzlich klingt alles falsch. Wie ich meine Finger dabei sortiere, habe ich neulich schon mal aufgeschrieben in Zweireihige Ziehharmonika Fingersatz lernen: So klappt es mit der rechten Hand.
Die Strategie des „Hinhörens auf den Fehler“
In den ersten Wochen habe ich versucht, krampfhaft die richtigen Töne zu treffen. Das Ergebnis war meistens ein trauriges Quietschen. Irgendwann im Februar, nach einer besonders anstrengenden Doppelschicht, habe ich meine Herangehensweise geändert. Auf der Station merke ich oft, dass etwas mit einem Patienten nicht stimmt, lange bevor ich die Monitorwerte sehe – es ist ein Gefühl für das „Falsche“, für die Unregelmäßigkeit im Rhythmus.
Genau so mache ich es jetzt bei der Ziehharmonika. Statt nach der richtigen Note zu suchen, konzentriere ich mich darauf, die Fehlgriffe ganz bewusst wahrzunehmen. Wenn ich einen Knopf drücke und es klingt schräg oder beißt sich mit dem Summen in meinem Kopf, halte ich kurz inne. Ich spüre nach: Warum war das falsch? War es zu hoch? Zu tief? War es der falsche Moment für den Druck?
Diese Methode, Fehler als Wegweiser zu nutzen, hat mein Gehör viel schneller geschult als jedes Lehrbuch. Ich erlaube mir, den falschen Ton zu spielen, und korrigiere ihn dann. Es ist wie beim Blutabnehmen – man lernt auch erst durch das Gefühl in den Fingerspitzen, wann man die Vene richtig trifft. Man darf keine Angst vor dem Fehlversuch haben. Wenn ich heute eine neue Melodie suche, fange ich absichtlich „daneben“ an, um die Grenzen der Tonleiter auf meinen 21 Knöpfen auszuloten.
Wenn die linke Hand dazukommt
Die 8 Bassknöpfe auf der linken Seite sind mein Endgegner. Sie sollen die Begleitung sein, aber oft klingen sie eher wie ein Störfaktor. Vor ein paar Wochen im Mai hatte ich einen kleinen Durchbruch. Ich habe aufgehört, komplizierte Rhythmen zu erzwingen. Ich nehme nur einen der Bässe und versuche ihn im Takt zum Melodieknopf zu drücken. Aber wehe, ich vergesse die Umschaltbewegung zwischen Zug und Druck!

Es gab diesen einen Moment letzten Mittwoch: Ich wollte eine einfache Passage spielen, habe aber im falschen Moment am Balg gerissen. Es gab ein peinliches Quietschen der Bass-Seite, das wie ein heiseres Schiffshorn durch meine kleine Wohnung dröhnte. Der Hund, der sonst immer friedlich unter meinem Stuhl schläft, ist vor Schreck aufgesprungen und hat mich ganz vorwurfsvoll angeschaut. Ja, Kumpel, ich weiß, das war nichts.
Aber genau das ist das Lernen. Man muss diese Momente aushalten, in denen man wie ein Anfänger klingt (was ich ja bin). Die Nachbarin von nebenan hat sich anfangs mal beschwert, aber inzwischen sagt sie nichts mehr. Vielleicht hat sie sich an das Schiffshorn gewöhnt oder sie merkt, dass die Melodien langsam flüssiger werden, wenn das Ziehen und Drücken endlich passt. Taktgefühl trainieren auf der Ziehharmonika: Tipps für den richtigen Rhythmus hilft mir dabei immer noch, auch wenn ich oft einfach nur nach meinem eigenen inneren Puls spiele.
Sonntagmorgen: Kaffee, Ostseewind und Reflexion
Heute ist wieder so ein Sonntagmorgen. Die Sonne kommt gerade über die Dächer von Warnemünde, mein Kaffee dampft in der alten Ikea-Tasse auf dem Terrassentisch. Der Hund liegt wieder unter dem Stuhl, seine Nase zuckt im Schlaf. Ich schreibe in mein Tagebuch, was diese Woche geklappt hat. Die zweite Reihe meiner Harmonika, die eine Quarte höher gestimmt ist (ich glaube, das ist F-Dur), fängt langsam an, Sinn für mich zu ergeben.
Ich habe gelernt, dass ich keine Noten brauche, um glücklich zu sein. Ich brauche nur diese zehn Minuten nachts, in denen die Welt still ist und ich mit der Kleinen allein bin. Es ist ein Muskelgedächtnis, das ich da aufbaue, ganz ähnlich wie die Handgriffe bei der Stationsroutine. Man denkt nicht mehr darüber nach, man macht es einfach.

Wenn du auch gerade erst anfängst und dich fragst, ob du jemals ein Lied ohne Fehler spielen wirst: Vielleicht ist das gar nicht das Ziel. Das Ziel ist es, den Ton zu finden, der sich für dich richtig anfühlt. Und wenn es mal quietscht wie ein Schiffshorn, dann ist das eben dein ganz persönlicher Blues aus Rostock. Perfektion ist etwas für die Patientenakten, in der Musik reicht es, wenn es das Herz berührt.
Vielleicht probiere ich es nächste Woche mal mit einem kleinen Online-Kurs, um die Theorie hinter dem Gehörten zu verstehen. Ich habe gehört, dass Akkordeon online lernen für Anfänger eine gute Möglichkeit sein kann, wenn man wie ich im Schichtdienst arbeitet und keine festen Lehrertermine wahrnehmen kann. Aber erst mal trinke ich meinen Kaffee aus und genieße die Ruhe, bevor die nächste Schicht ruft.