
Es ist fast ein Uhr nachts. Draußen drückt der Warnemünder Wind gegen die Scheiben, und in der Wohnung ist es so still, dass ich das Ticken der Küchenuhr höre. Meine Schicht in der Kardiologie war lang, die Beine sind schwer. Aber bevor ich ins Bett falle, brauche ich diese zehn Minuten Ruhe mit 'der Kleinen'.
Hinweis: In meinen Texten stecken manchmal Links zu den Kursen, die mir geholfen haben. Wenn du darüber etwas kaufst, bekomme ich eine kleine Provision. Für dich kostet es keinen Cent mehr. Ich empfehle hier nur, was ich selbst seit dem letzten Herbst nachts auf meinem Küchentisch ausprobiert habe. Hier ist meine Offenlegung.
Ich streiche über das Gehäuse. Das kühle Metall der Knöpfe unter meinen Fingerspitzen ist ein seltsamer Kontrast zu der Wärme, die das Instrument ausstrahlt, sobald der erste Ton kommt. Vor acht Monaten stand sie noch auf einem Trödelmarkt in Güstrow, eingequetscht zwischen einem alten Kupferkessel und einer Briefmarkensammlung. 45 Euro hat sie gekostet. Ich hatte keinen Plan, keine Notenkenntnisse, absolut nichts. Nur das Gefühl, dass dieses Instrument da weg muss.
Der Moment, in dem YouTube nicht mehr reichte
Anfangs habe ich einfach nur Knöpfe gedrückt. Irgendwie klang es nach Musik, aber meistens war es eher ein verzweifeltes Quietschen. Ich habe versucht, mir Dinge auf YouTube anzuschauen, aber das hat mich eher verwirrt. Da sitzen Profis, die so schnell spielen, dass meine Augen nicht mitkommen. Wenn man nach einer Doppelschicht nach Hause kommt, will man nicht erst drei Stunden suchen, welches Video jetzt das richtige ist.
Ich brauchte Struktur. Etwas, das mich an die Hand nimmt, so wie wir neue Kollegen auf Station einarbeiten. Schritt für Schritt. Ohne dass man mir mit Musiktheorie kommt, die ich eh nicht verstehe. Ich wollte einfach nur wissen: Warum passt dieser Bass-Knopf nie zu dem, was meine rechte Hand macht?

Struktur finden zwischen Nachtschicht und Kaffeetasse
Irgendwann im letzten Oktober bin ich auf den Ziehharmonika Anfaengerkurs von der Harmonicademy gestoßen. Das war der Wendepunkt. Da sind 21 Lektionen drin, die ganz logisch aufeinander aufbauen. Kein Durcheinander. Man fängt wirklich bei Null an. Das war genau das, was ich brauchte: Jemand, der mir sagt: 'Heute lernst du nur diesen einen Griff'.
Was mir besonders geholfen hat, ist die Tatsache, dass meine Kleine eine diatonische Ziehharmonika ist. Das bedeutet, sie ist wechseltönig – ein Knopf macht beim Drücken einen anderen Ton als beim Ziehen. Das war am Anfang der reinste Horror. Drei Abende lang habe ich verzweifelt versucht, den Bass-Rhythmus zu finden, nur um zu merken, dass ich den Balg gegen den Widerstand zog, statt ihn fließen zu lassen.
Es ist ein bisschen wie beim Blutabnehmen im Krankenhaus: Am Anfang zittert man, man überlegt jeden Handgriff dreimal. Irgendwann geht es ins Muskelgedächtnis über. Man denkt nicht mehr nach, man fühlt es einfach. So ist es auch mit der Balgkontrolle lernen auf der Ziehharmonika. Man muss geduldig sein, genau wie mit einem unruhigen Patienten auf der Kardiologie.
Lernen ohne Instrument: Der Pendler-Trick
Hier kommt etwas, das ich erst spät gemerkt habe. Ich wohne in Warnemünde, arbeite aber in Rostock. Das heißt, ich verbringe viel Zeit in der S-Bahn. Man kann schlecht eine Ziehharmonika im Abteil auspacken (obwohl die Gesichter der anderen Fahrgäste sicher Gold wert wären).
Aber ich nutze die Zeit jetzt anders. In den Videokursen schaue ich mir die Theorie und die Trockenübungen auf dem Handy an, während ich zur Schicht fahre. Ich präge mir die Bewegungen der Finger ein. Das ist mein kleiner Vorteil als Pendlerin: Wenn ich nachts nach Hause komme, weiß mein Kopf schon, was die Finger tun sollen. Ich muss es nur noch umsetzen. Das spart mir das lange Suchen nach der richtigen Haltung, wenn ich eigentlich nur noch zehn Minuten spielen will, bevor ich schlafe.
Manchmal, wenn ich eine Melodie nach zehn Minuten Üben endlich ohne Stocken hinbekomme, spüre ich dieses plötzliche Lockern im Nacken. Ein tiefes Ausatmen. Das ist besser als jede Serie auf Netflix. Es ist ein Moment nur für mich, weit weg von Patientenakten und dem Piepen der Monitore.

Sonntagmorgen-Reflektion: Was bleibt hängen?
Heute ist wieder so ein Sonntagvormittag im Juni. Der Kaffee dampft in meiner alten Tasse, der Hund schläft friedlich unter meinem Stuhl auf der Terrasse. Ich schaue in mein kleines Notizbuch. Letzte Woche hat der Moll-Bass endlich mal geklappt, ohne dass ich mich verheddert habe. Es war nur ein kurzer Moment, vielleicht drei Minuten am Mittwoch, aber es hat sich richtig angefühlt.
Falls du auch so ein trauriges Instrument zu Hause hast oder überlegst, anzufangen: Such dir etwas Strukturiertes. Es gibt auch das meineMusikschule Akkordeon Modell, das sehr flexibel ist, wenn man sich nicht sofort festlegen will. Aber für mich war der feste Weg mit den 21 Lektionen genau richtig.
Es geht nicht darum, ein Profi zu werden. Ich werde nie in einem Konzertsaal stehen. Aber wenn ich den letzten Akkord eines einfachen Liedes endlich sauber treffe und der Hund unter meinem Stuhl kurz mit dem Schwanz wedelt, dann weiß ich, dass sich die 45 Euro vom Flohmarkt gelohnt haben. Man ist nie zu alt, um etwas zu lernen, das nichts mit der Arbeit zu tun hat. Es ist ein Geschenk an mich selbst, nach jeder Schicht ein kleines bisschen mehr Musik in die Stille von Warnemünde zu bringen.
Wenn du wissen willst, wie sich meine Reise angefühlt hat, lies gerne auch meine Erfahrungen zum Ziehharmonika Anfängerkurs. Vielleicht sehen wir uns ja mal am Strand – ich bin die mit der kleinen Zweireihigen und dem schlafenden Hund.